LS mit rückseitigem HT/MT

Lautsprecherbau und -tuning

LS mit rückseitigem HT/MT

Beitragvon powerohr » 12.01.2018, 23:10

Hallo,
ich habe mich im Netz mal über sehr hochpreisige HighEnd Lautsprecher informiert.
Dort ist mit aufgefallen, dass einige Hersteller bei den Top LS vermehrt auf zusätzlich HT und MT Chassis auf der Rückseite zurückgreifen. Die Aida von Sonus Faber ist so ein LS.

Mir ist dies im Selbstbaubereich noch nicht begegnet. Als BM Hörer ist mir ein LS mit Abstrahlung nach hinten (zumindest im Hochton) auch etwas suspekt.
Welche Vorteile haben diese LS? Wird da nicht eine Räumlichkeit auf Kosten der Präzision erzeugt?

Wenn man mal über Selbstbau nachdenkt und bei vollaktv mit digitalen Weichen Möglichkeiten hätte, wäre so ein Konzept interessant?

Beste Grüße
Torben
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Beitragvon chriss0212 » 12.01.2018, 23:15

Hallo Torben,

ich habe bei einem Freund die Magellan Concerto SW2 gehört. Stehen dort relativ nah an der Wand. Die Lautsprecher hatten bei ihm eine recht gute Bühne ohne, dass es vermatscht gewesen wäre.

Gestört hat mich die hohe Position der Hochtöner.

Am Ende glaube ich aber, dass man hier wenig pauschalisieren kann.

Grüße

Christian
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Beitragvon Diskus_GL » 13.01.2018, 01:08

Hallo Torben,

der Effekt ist eine Mehr an reflektiertem Schall im Hörbereich. Da der Schall vom rückwärtigen Chassis abgestrahlt wird, kommt er auch - je nach Aufstellung und Abstand zu den Wänden - mit der notwendigen Verzögerung.
Wenn es "passt" verbessert sich fast alles an wahrnehmbarer Information und der Hörbereich wird größer.
Idealerweise kann man die Lautstärke der hinteren Wandler einstellen...

Übliche Direktstrahler bündeln ja zu hohen Frequenzen hin immer mehr, somit kommt von den vorderen Chassis besonders im MT-/HT-Bereich auch weniger an reflektiertem Schall ans Ohr... das gleicht ein MT-/HT auf der Rückseite dann aus.
Neu ist das nicht - Die meisten Elektrostaten, Magnetostaten oder auch Dipole arbeiten mit rückwärtigem Schall. Einer der bekanntesten Verfechter solcher Bauweisen ist Linkwitz.
Auch Rundumstrahlter oder Boxen wie z. B. von Heed, oder Larsen arbeiten mit einem "Mehr" an reflektiertem Schall...

Grüße Joachim

PS.: Ich arbeite auch sie Jahren damit - allerdings mit aktiv angesteuerten, regelbaren nach hinten abstrahlenden BB-Chassis... möchte ich nicht mehr missen...
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Beitragvon Hans-Martin » 13.01.2018, 01:20

powerohr hat geschrieben:ich habe mich im Netz mal über sehr hochpreisige HighEnd Lautsprecher informiert.
Dort ist mit aufgefallen, dass einige Hersteller bei den Top LS vermehrt auf zusätzlich HT und MT Chassis auf der Rückseite zurückgreifen.

Hallo Torben,
vor 40 Jahren bewarb Bose seine 901 mit dem Argument, in einem Konzertsaal würde der Hörer 11% Direktschall und 89% reflektierten Schall empfangen. IsMirÜbl. Wenn ein natürliches Instrument aus einem Abstand auf mein Ohr trifft, kann ich etwa 1° von 360° rund um meinen Schädel erwarten, das wären ca 0,3% und nicht 11%.
9 Breitbänder, einer davon nach vorn, 3 parallelgeschaltete Serien-Dreiergruppen führten wieder zur selben Impedanz eines Chassis, der Klang wurde mit einem unverzichtbaren, einfachen Equalizer halbwegs hingebogen, ein externer 10-Band-Equalizer konnte das besser. Nach recht erfolgreichem Verkauf wurden 9 Chassis mit unter 1 Ohm in Serie geschaltet, was die Unzerstörbarkeit von den stärkeren 8 bewirkte, weil das schwächste Glied der Kette im Schadensfall zuerst durchbrannte und sie schützte.
Dass für 1 LS-Modell nicht 3 verschiedene Chassis, sondern nur 1 hergestellt werden musste, nicht 2 für ein Paar LS, sondern 18 vom selben Typ ist natürlich eine kalkulative Win-Situation für den Hersteller.
Die genannten 11% wecken die Skepsis, ob hier nicht nur ein Argument aus dem Ärmel gezaubert wurde, das besser passte als bei 4 (2Serienschalrungen parallel) oder 16 (4 Viererketten parallel) oder 25 (5 parallele Fünferketten), wobei es schwieriger würde, 16 oder mehr in einem Gehäuse unterzubringen, denn die Kugelform gab es ja schon als Grundig Audiorama (4TT, 4HT).
Vor der Wand aufgestellt, machten diese Bose 901 LS aus jeder Aufnahme eine aufgeblähte große Projektion, der allerdings die Greifbarkeit der einzelnen Instrumente und Solisten fehlte.
Jetzt war ich aber Böse...

Nach diesem Exkurs in die Vergangenheit unterscheide ich heute nach Dipol (wie Quad Elektrostaten, Magnepan), und Bipol (wie die Bose 901). Martin Logans Hybride (gewölbte Dipole und omnipolare Bässe) sind ein besonderer Fall für sich.
Dipole kamen u.a. im THX-Heimkino als Effekt-LS zum Einsatz. Allein betrieben löst sich die Lokalisation des LS weitgehend auf.

Wenn nun rückwärtig MT oder HT hinzugeschaltet werden (wie es z.B. bei Infinity Kappa 9 auch der Fall war), ist die Frage, ob gleichpolig oder invers.

Siegfried Linkwitz hat seinen Dipol Bass und Dipol MT aber direktstrahler-HT durch einen zusätzlich nach hinten (invertiert) abstrahlenden HT ergänzt und fand es bereichernd. Damit vervollständigte er das rückwärtig abgestrahlte Signal.
Man könnte auch sagen, das direkt abgestrahlte Signal, welches den Zuhörer erreicht, erscheint nun in der Klangfarbe wie das Diffussignal (was ohne den rückwärtigen HT nicht der Fall war).

Thorsten Lösch (Entwickler bei AMR) hat gern den Begriff Hallsoßenwerfer benutzt. Er ist aufschlussreich, entlarvend, abwertend, eine Warnung vor Missbrauch...

Ich habe auf den Norddeutschen HiFi-Tagen 2017 Boxen gehört, vorn Breitbänder, hinten einschaltbarer Zusatzhochtöner. Statt zu kotzen habe ich mich kurzerhand auf den Flur begeben, das innere Lachen bei der nächsten Vorführung verklang unter dem neuen Eindruck.

Vor vielen Jahren habe ich in einem bis auf wenige Stühle leeren Raum Pfleiderers FRS Lautsprecher mit Vorausentzerrung gehört, eine Metallkalotte, die über ein Dämpfungsglied die Tieftonmembran mitzog. Nur 1 Schwingspule. Dazu gab es erst Raumzusatzlautsprecher (in einem Gehäuse 3 Peerless Membranhochtöner, ausgerichtet nach links, oben, rechts), die dann in das größere LS-Gehäuse integriert wurden.
Heute nehmen wir einen TT und einen HT im Waveguide, preisen das kontinuierliche Bündelungsverhalten.

Für mich ist ein nach hinten abstrahlendes MT/HT System eine sehr zwiespältige Sache, deren Nutzen nur davon abhängt, wie sie mit dem Haupt-LS integriert wird, siehe Joachim(Diskus_DL).
Die Implementierung entscheidet ebenso, wie der zusätzliche HT mit dem umgebenden Raum zusammenspielt.
In jedem Fall gilt: Da hat man was eigenes.
Ausprobieren, dafür würde ich einen zweiten Verstärker und ein weiteres Paar kleiner LS nehmen. So könnte man Pegel und Polarität ändern, ebenso die Position der Chassis verschieben, bevor man große Gehäuse mit zusätzlichen Löchern verunstaltet.
Versuch macht kluch!
Grüße Hans-Martin

sehe gerade: zitierter Joachim hat in der Zwischenzeit ja auch schon geantwortet
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Beitragvon frmu » 13.01.2018, 09:18

Moin,

letztendlich hat Hans Martin es ja diplomatisch ausgedrückt, es kommt drauf an, wie es gemacht ist.
Da mir der technische Zusammenhang quasi ungeläufig ist, gilt - es muss gefallen, was rauskommt.
Soweit ich weiß, besitzt eine AGM, zumindest die Großen, auch TT, welche sich auf der Rückseite
befinden. Diese unterliegen wohl auch einer Regelung, oder?

Ich hatte bei meiner "Hörerei", bevor ich die Sehring M801 erworben hatte, die Gelegenheit den Prototypen
der Sehring 805 zu hören. Diese verfügt auch über einen rückwärtigen TT - genauere technische Informationen
kann ich leider nicht liefern und findet man auch bisher im Netz nicht.
An einer Mytek Brooklyn Vor-/Endkombi in einem riesigen Loft, völlig frei stehend, spielte sie jedenfalls
so involvierend, das einem Kuschelnoppen gewachsen sind - und ja es ist ein Passiv-LS.


Gruss
Frank
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Beitragvon dietert » 13.01.2018, 10:24

Hallo miteinander,

wer mit sowas experimentieren möchte: Durchaus handelsüblich und recht preiswert sind Dipolsatelliten für Surround-Anlagen. Ich habe z.B. irgendwann ein Pärchen "KEF Q800DS" gekauft, eigentlich aus Interesse an Koaxial-Lautsprechern.
Die kann man zum Testen auch als Frontlautsprecher aufstellen, dann bekommt man schon einen ganz guten Eindruck. Nur muss man etwas mit der Polarität aufpassen, d.h. je nach Aufstellung müssen die Dipole verpolt angeschlossen werden. In meinem Fall habe ich sie zusammen mit Subs benutzt.
Bei einer digitalisierten Aktivbox ist die Koordination der Schallfelder zwischen Front- und Backlautsprecher sicherlich noch viel raffinierter. Da kann man die Abstrahlcharakteristik z.B. durch die Programmierung einer kleinen Zeitverzögerung für das rückwärtige Audio optimieren (Prinzip "Kii Three").

Grüße,
Dieter T.
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Beitragvon Hans-Martin » 13.01.2018, 11:48

Hallo Frank,
Bässe strahlen überwiegend rundum ab, deshalb fälllt ein wichtiger anderer Aspekt mehr ins Gewicht: deren Antriebskräfte, die auf das Gehäuse zurückwirken. Die schwere TT-Membran zu beschleunigen erzeugt eine Gegenkraft im Antrieb, die sich in Gegenrichtung zur TT-Membranbewegung an der Box niederschlägt und MT wie HT überlagert. Bewährt sind Kompensation der Bewegung durch gegenläufige Zusatzbässe auf der Rückseite, oder Bassausrichtung zur Seite (90° zur MT/HT Abstrahlachse).
Ich hatte mit Tonabnehmersystemen Vibrationen an LS-Ständern abgenommen, auf Cassette aufgezeichnet, um das Signal zeitversetzt abzuhören, die Spektralanalyse zeigte deutlich die Begrenzung durch die Frequenzweiche für den TT-Bereich.
Ob der Tiefton als Bipol oder Dipol oder Kardioid ausgeführt wird, macht einen Unterschied bei der optimalen Aufstellung im Raum.
Im kleinen Raum halte ich stärker bündelnde MT/HT für besser, im großen Raum kann das versagen. Die neuen B&O sind ein (teures) Beispiel für Raumanpassbarkeit.

Aber prinzipiell findet man für jeden Topf einen Deckel, und wie die Praxis zeigt, finden auch "unmögliche" Lautsprecher gelegentlich ihren Liebhaber, speziell unter dem Label High-End habe ich schon manche Konstruktion gesehen, gehört, sogar gemessen, die ich dann mit dem "unmöglich" versehen habe.

@Dieter: ich hatte die Boston THX-Dipole zu Experimenten zur Hand, in meinem letzten Beitrag erwähnt.
Die L und R Versionen sind zueinander spiegelbildlich bestückt, mit der positiven Seite (13cm TMT+Membran-HT) jeweils nach vorn in Richtung Hauptlautsprecher eingesetzt, invers ab etwa 1kHz (nur HT) nach hinten. Als Front-LS benutzt, gehörte demnach der L nach rechts und umgekehrt. Bei den KEF Q800DS ist der Chassisabstand größer, beidseitig gleich bestückt. Wie macht sich da der größere Chassisabstand wohl bemerkbar?
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Beitragvon dietert » 13.01.2018, 12:37

Hallo miteinander,

ich meine, im Hoch-/Mitteltonbereich wird eine Lösung mit Vorder- und rückseitigen Chassis ein besseres Ergebnis liefern. Viele Versuche von Lautsprecherbauern mit offenen Schallwänden funktionieren in diesen Frequenzbereichen nicht besonders, weil die rückwärtige Abstrahlung bei den üblichen Lautsprecherchassis eben doch anders ist, außer bei symmetrisch aufgebauten Magnetostaten.
Der Lautsprecherabstand bei den KEF Dipolen ist nach meinem Verständnis kein Hindernis, die Auslöschungsebene liegt dann eben etwas hinter der Schallwand. Und die Einwinkelung der vorder- und rückseitigen Chassis hilft auch: Man kann die Auslöschungsebene gerade so orientieren, dass sie die Hauptreflektionen an der Seitenwand auf dem Weg zum Hörer unterdrückt und gleichzeitig der Frontlautsprecher genau auf den Hörer zeigt. Bei einem Dipollautsprecher ohne diese Einwinkelung fehlen da meistens 30°. Ein interessantes Spielzeug.

Grüße,
Dieter T.
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Beitragvon Diskus_GL » 13.01.2018, 16:25

Hallo,

also, da es anscheinend doch ausführlicher wird, will ich auch ein wenige meiner Erfahrungen beitragen (ausführlicher habe ich das hier http://www.audioclub.de/index.php/angeh ... eflexionen und http://www.audioclub.de/index.php/angeh ... wiedergabe ausgeführt).

Wie bereits erwähnt kommt es immer darauf an, wie es letztendlich realisiert wird, ob es den Klang verbessert oder nicht.
Das Gehör (und damit meine ich ausdrücklich auch die nach der Basilarmembrane stattfindende "Verarbeitung", die uns ja erst die Klangeindrücke erzeugt) nutzt reflektierten Schall - ob wir wollen oder nicht! Das Gehör ist innerhalb kurzer Zeit in der Lage das Reflexionsbild eines Raumes zu erfassen und dies zur Auswertung folgender Schallereignisse zu berücksichtigen - es filtert z. B. auf dieser Basis bestimmte Teile des Direktschalls... (hat bereits Jens Blauert in seinem Buch "Räumliches Hören" ausfgeführt...auch die ASA-Forschung erklärt da einiges). Wenn dem nicht so wäre, würden wir z. B. die Stimme eines Menschen immer anders "wahrnehmen", wenn dieser in unterschiedlichen Räumen spricht... der sog. Cocktailparty-Effekt ist auch einer der eindrucksvollen Beispiele für die entsprechende "Verarbeitungsfähigkeiten" des Gehörs.

Viele der Unterschiede bei Hifi-Anlagen untereinander und vor allem der Unterschied von Hifi-Anlagen zu Live-Hörerlebnissen resultieren aus den unterschiedlichen Verhältnissen und Eigenschaften des reflektierten Schalls zum Direktschall am Hörort.
Man versucht dies entweder durch Umstellen der Boxen - also Verändern des Verhältnisses und der Eigenschaften des von den Boxen reflektierten Schalls am Hörplatz - oder durch "akustische Massnahmen" am Raum zu "beheben". Letztendlich wird man - meist unbewusst und oft ziellos - versuchen das Verhältnis von Direktschall zu reflektiertem Schall so zu verändern, das es möglichst dem Verhältnis entspricht, das eine "Live_Schallquelle" in diesem Raum erzeugen würde (denn den Direktschall verändere ich ja durch Umstellen der Boxen kaum - den reflektierten Schall aber umso mehr). Als Ergebnis ist dann die Musik "losgelöst" von den Boxen, ist der Klang optimal, die Lokalisationsschärfe und auch die Bühnendarstellung sowie der Raumeindruck (des Aufnahmeraums der auf der Aufnahme ist!) sind besser, da es dann ja für das Gehör keinen Widerspruch mehr zwischen dem von den Boxen wiedergegebenen Schall und dem anderer Schallquellen im Hörraum gibt - es kann den "Raumeindruck" des Hörraums besser vom "Schall der aus den Boxen kommt trennen. Das Gehör kann dann auch mithilfe des reflektierten Schalls (der Boxen) den Direktschall besser "auswerten", denn prinzipiell ist im reflektierten Schall die gleiche Information wie im Direktschall... zwar leiser, tonal verändert und zeitlich verzögert, aber die meisten dieser "Veränderungen" sind dem Gehör "bekannt" und können "rausgefiltert" werden... also, warum nicht diese zusätzlichen Informationen zur Auswertung nutzen (das hat sich die Evolution auch gesagt und das Gehör mit recht umfangreichen Möglichkeiten ausgestattet dies zu nutzen).
Wichtig ist es nur, das der reflektierte Schall bestimmte Kriterien erfüllt - z. B. sollte er min. 5ms später ans Ohr kommen als der Direktschall, etc. ... ausführlicher kann man das in Blauerts Buch oder bei Floyd Toole nachlesen...

Deshalb Chassis oder Schall nach hinten, da hier der weg aufgrund der zusätzlichen "Umwege" bis zum Ohr meist die 5ms überschreitet. Und da bei den meisten Chassis der Schall mit zunehmender Frequenz bündelt, ist dies eher für den MT und HT-Beriecih notwendig... Bass wird eh meist kugelförmig abgestrahlt... hier ist eher eine Auslöschung wünschenswert, wie es z. B. die Kii macht... aber das hat mit reflektiertem Schall und dessen Hörwahrnehmung nichts zu tun...

Also rückwärtige HTs oder auch MTs können durchaus Sinn machen... idealerweise aktiv und einstellbar um sie an die Raum- und Aufstellungsgegebenheiten anzupassen ...

Grüße Joachim
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Beitragvon Hans-Martin » 13.01.2018, 17:22

Hallo Joachim,
wie war das nochmal? Strahlt dein rückwärtiges Chassis ein inverses Signal ab oder setzt du ein positives, aber verzögertes Signal ?
Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Diskus_GL » 13.01.2018, 17:40

Hallo Hans-Martin,

letzter Stand seit Mitte 2017: die hinteren MSW werden mit 5ms Delay gleichphasig angesteuert (also wie Bipole) und strahlen auf Halbkugeln (aus Plexiglas) um den Schall diffuser zu verteilen. Den relativen Pegel der hinteren MSW kann ich am DAC für die hinteren MSW regeln - von 0db bis +2db (via DSP so voreingestellt).
Meist sind es - am Hörplatz gemessen - ca. -12db (bei lauterer Musik wird schon mal bis auf -15db abgesenkt)
Es erfolgt auch eine Hochtonanhebung (ab 5kHz) für vordere und hintere MSW!
Das habe ich gemacht, da ich die Diskus seit Sommer 2017 nahezu parallel stehen habe. Damit gleiche ich den seitlichen Hochtonabfall des vorderen MSW in Bezug auf den Hörplatz aus (da die Diskus ja nicht mehr auf den Hörplatz "zielen"... interessanterweise verbessert diese Hochtonanhebung auch bei den hinteren MSW die "Veränderungen" durch den reflektierten Schall...
In meinem recht halligem Wohnzimmer kommt das mittlerweile sehr gut...

Noch kurz die Erklärung für die 5ms Delay per DSP: Da meine hinteren MSW bereits ab 350Hz abstrahlen, wird ein Teil des hinteren Schalls bereits vom Boden reflektiert. Damit kommt er mit deutlich weniger als 5m ans Ohr. Das hat zu hörbaren tonalen Verfärbungen geführt (die tonalen Änderungen gerade im Bereich 300Hz bis ca. 1khz konnte man gut hören wenn man den Pegel der hinteren MSW erhöhte).
Seit dem digitalen Delay ist dieser Effekt nahezu verschwunden (da jetzt ja jeder Schall von hinten - auch der vom Boden reflektierte - min. 5ms. später ans Ohr kommt... :cheers: ).

Nochwas zur Info: beide MSW erhalten das Signal der Raumkorrektur!

Grüße Joachim
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Beitragvon dietert » 13.01.2018, 19:47

Hallo miteinander,

ein Dipol und ein Kardoid haben Auslöschung unerwünschten Schalls in bestimmte Richtungen gemeinsam. Beim Dipolkonzept hat man Auslöschung in einer Ebene parallel zur Schallwand des Lautsprechers. Das kann helfen, frühe Reflektionen an den Seitenwänden, am Boden und an der Decke zu reduzieren. Auslöschung passiert ja nicht nur unter exakt 90°, sondern ansatzweise auch schon bei 60°. Beim Kardoidkonzept möchte man Auslöschung in rückwärtiger Richtung. Das kann helfen, Reflektionen an der Wand hinter den Lautsprechern zu reduzieren, z.B. bei wandnaher Aufstellung. Die Verzögerung, die man für einen Kardoid braucht, liegt bei etwa 1 msec (abhängig von der Gehäusetiefe der Box).
Frühe Reflektionen des Hörraums sind unvermeidlich, aber eigentlich unerwünscht, weil sie zu einer Veränderung des gehörten Schalls führen. Eigentlich möchte man denselben Höreindruck wie im Nahbereich erzielen, mit möglichst viel Direktschall. Digitale Raumkorrektursysteme können im Mittel- und Hochtonbereich wenig gegen Reflektionen ausrichten, es sei denn man nimmt einen sehr kleinen Sweet Spot in Kauf.

Joachim: 5 msec entsprechen etwa 1,5 m, das ist ja fast schon ein Echo. Hast du nicht mal versucht, vordere und hintere Chassis als Dipol zu betreiben? Auch durch die Einwinkelung der Lautsprecher und die Höhenanhebung bekommst du vermutlich zusätzlichen Diffusschall. Ich meine, die Lautsprecher strahlen die Höhen ja weiter ab, auch wenn ich sie wegen der Einwinkelung nicht mehr direkt höre. Irgendwie eine ganz andere Philosophie.

Grüße,
Dieter T.
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Beitragvon Diskus_GL » 13.01.2018, 21:18

Hallo Dieter,

laut Blauerts Analysen und auch ASA ist die sog. Echoschwelle bei ca. 50ms (hängt vom Pegel der Reflexion ab).
Das folgende Bild gibt hier mehr Aufschluss:

Bild

(Quelle: Jens Blauert "Räumliches Hören").

Da sieht man recht gut, daß zwischen 5ms und ca. 50ms Reflexionen vom Gehör "verarbeitet" werden... ob man will oder nicht!
Der schraffierte Bereich ist demzufolge auch der Zeit- und Pegelbereich von Reflexionen, in denen diese vom Gehör "verarbeitet" werden - bzw. "erwartet" werden!

Meine Erfahrung ist, das "möglichst viel Direktschall" nicht immer zielführend ist. Das ist ja bei Kopfhörerwiedergabe der Fall - ich habe da immer eine sehr, sehr enge und unnatürliche Bühnendarstellung, die sich in meinem Kopf und im Bereich von ca. 5cm drumherum abspielt... auch hinter dem Kopf (!).
Mit Boxen die entsprechende Reflexionen erzeugen, ist die akustische Bühne vor mir, und umfasst in Breite und Tiefe mehrere Meter (was ja eher einem Jazzlokal oder einer Konzerthalle entspricht). Auch die "Abmessungen" der Instrumente sind da "realistischer" - ein Flügel, der sich nur innerhalb meines Kopfes abspielt ist für mich eher "unrealistisch".
In meinen Audioclub-Artikeln hab ich das ja ausführlicher ausgeführt - auch mit meinen Erfahrungen bez. Bipol, Dipol etc...
Das die Diskus natürlich auch von den vorderen MSW Reflexionen erzeugen ist klar und auch beabsichtigt... und durch die mehr parallele Aufstellung auch verändert worden. Das ändert aber nichts an der prinzipiellen Vorgehensweise, Reflexionen in bestimmter Form am Hörplatz zuzulassen und auch gewollt zu erzeugen.

Man kann und muss das immer für die jeweilige Anlage, Aufstellung und Hörplatz-Kombination sehen...

Grüße Joachim

PS: Warum soll man auf die Schallinformationen die das Gehör aus den Reflexionen (des Wiedergaberaumes) gewinnen kann verzichten? Da gibt man sich alle Mühe - mit viel Aufwand und Kosten - die Informationen des elektrischen Signals möglichst unverändert bis zu den Boxen zu bringen und dann "nutzt" man nicht die akustischen Möglichkeiten des Raumes durch passende Nutzung von dessen Reflexionen um es dem Gehör leichter zu machen, das was aus den Boxen kommt zu analysieren... die Beschäftigung mit dem Reflexionsbild am Hörplatz ist genauso wichtig wie die über DAC-Prinzipien, Kabelmaterialien, Verstärkerschaltungen, Frequenzweichenbauteile etc....

PPS: Wenn das Gehör bereits Schall, der 5ms später am Ohr ankommt als Echo - also als separates Schallereignis - analysieren würde, wäre es Musikern unmöglich zusammen im Takt zu spielen (und den Zuhörern wäre es auch unmöglich eine von mehreren räumlich getrennt spielenden Musikern die alle die identische Musik spielen, als "eine Melodie" wahrzunehmen... oder alle "im gleichen Takt spielend").
Denn physikalisch kommt der Schall jedes Instrumentes zum Zuhörer (oder Mitspielers) mit einem zeitlichen Versatz - also "hintereinander"... trotzdem ist das Gehör in der Lage "ähnliche" Schallmuster als "zusammengehörig" anzusehen... und Reflexionen sind ein zu einem Direktschallsignal zugehörige Information...
Laut ASA ist die Zeitdauer für als zusammengehörig anzusehende ähnliche Schallereignisse ca. 50ms.
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Beitragvon Hans-Martin » 13.01.2018, 22:15

Hallo Joachim,
aus welcher Ausgabe von Jens Blauerts "Räumliches Hören" hast du die Grafik?
In meiner Ausgabe von 1974 habe ich sie vergebvlich gesucht.
Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Diskus_GL » 13.01.2018, 22:51

Hallo Hans-Martin,

ich hab die aus meinem Audioclubartikel
http://www.audioclub.de/index.php/angeh ... eflexionen

Die dort aufgeführten Zitat und Grafiken sind aus Jens Blauerts Buch „Räumliches Hören“ (3. Ausgabe).
Ich konnte die seinerzeit nur noch als PDF irgendwo im Netz kaufen - aus welchem Jahr diese Ausgabe ist, müsste ich nachschauen (hab das Buch gerade nicht greifbar).

Diese Grafik findet sich aber auch mit leicht veränderter Schraffur und veränderter "Beschriftung" in Floyd E. Toole "Sound Reproduktion" Ausgabe 2014, Seite 87, Figure 6.13. - er hat sie immerhin als "redrawn" gekennzeichnet....

Grüße Joachim
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