Wie sieht eine ideale Sprungantwort aus?

Ulis Mess- und Korrekturprogramm

Beitragvon cay-uwe » 10.11.2017, 13:46

Ideal gesehen sollte ein Lautsprecher Bandpasscharakter besitzen, sprich, er hat im Bassbereich eine untere Grenzfrequenz und im Hochtonbereich eine obere Grenzfrequenz. Bei geschlossenenen Boxen kann man von einen 12dB / Oktave Hochpass bei der unteren Grenzfrequenz sprechen, während im Hochton das Verhalten durch den Roll-Off bestimmt wird, das typischerweise ein Tiefpass mit 12dB / Oktave ist.

Die Interprätation von Sprungantworten ist ein heickles Thema und wird schon seit Jahren in den hier angegeben Links im Open End Music Forum diskutiert. Um eine eindeutigere Aussage der Sprungantwort machen zu können, muss auch die Übertragungsfunktion mit Magnitude und Phase betrachtet werden. Dazu mal ein Beispiel aus meiner Entwicklung der Sonus Natura Stella, die ich damals als analog "zeitrichtigen" Lautsprecher konzipierte. Ich habe analog geschrieben, da mit FIR Entzerrungen, wie mit acourate, weitere Möglichkeiten eröffnet werden, die analog nicht vorhanden sind.

Analog "zeitrichtig" heißt für mich, dass der Lautsprecher Bandpasscharakter haben muss, sprich eine untere und obere Grenzfrequenz mit beschriebenen Charakter. Ein Bandpass besitzt außerdem über ein breites Frequenzspektrum eine recht konstante Phase. Testweise hatte ich damals die Prototypen mit Breitbändern und Tieftöner aufgebaut und dies ist der Frequnzgang und Phase eines solchen Versuches.

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Sieht zwar ein bisschen wüst aus, aber man erkennt gut den Bandpasscharakter. Es gibt eine unterere Grenzfrequenz ( ca. 35Hz ) und eine obere Grenzfrequenz bei ca. 9kHz, mit einem steilen Roll-Off. Die Phase ist wie beschrieben über ein breites Frequenzspektrum konstant ( 100 - 5000Hz ). Im Bass verschiebt sie sich auf 180° zu unterene Frequenzen, was für ein Hochpass 2er Ordnung ( 12 dB / Oktave ) üblich ist und im Roll-Off Bereich verschiebt sie sich auf -180Grad, was für ein Tiefpass der Fall ist.

Dies ist ein Zwei-Wege Lautsprecher mit einer Trennfrequenz bei ca. 400Hz. Das analog "zeitrichtige" Verhalten erkennt man daran, dass die Phase im Übernahmebereich konstant bleibt.

Theoretisch betrachtet ist es ein Übertragungsystem mit einer unteren Grenzfrequenz von 35Hz und einer Güte von 0,5, während das Roll-Off eine Grenzfrequenz von ca. 9kHz besitzt mit einer Güte von ca. 2, was daran zu erkennen ist, dass der Pegel ab ca. 5 Khz ansteigt.

Unter dieser Betrachtung sieht die gemessene und theoretische Sprungantwort wie folgt aus:

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Die graue Kurve ist das theoretische ideal, während die grüne Kurve die Gemessene ist. Für eine Messung in meinen Hörraum, sieht das sehr gut aus und kommt dem Ideal sehr Nahe.

Es fiel hier die Frage was die Zacken in der Sprungantwort bedeuten. Das sind Resonanzen, die man auch im Frequenzgang sehen kann. Die Zacken die am Anfang des Sprunges zu sehen sind spiegeln das zeitliche Verhalten im Hochton wieder und wie man sehen kann gibt es da einige "Peaks" sprich Resonanzen, die auch in der Sprungantwort zu erkennen sind. Spätere Ereignisse, z.B. die kleine Welle ab ca. 10.23ms sind dem Tiefton oder Mittelton zu zu ordnen und können Bodenreflexionen sein.

Die gezeigte Sprungantwort ist die Summe der beiden Wege meines Prototypen und ich habe mir damals die Mühe gemacht diese einzeln zu messen.

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Die oberste Messung ist der Tieftöner, die Mittlere der Breitbänder und die Untere die Summe. An diesen Messpunkt ist übrigens gut eine Bodenreflexion zu erkennen.

Ich hoffe meine Beispiel helfen etwas weiter :wink:
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Beitragvon wgh52 » 10.11.2017, 14:02

Hallo Cay-Uwe,

danke für die sehr anschauliche Darstellung und Erklärung!

Grüße,
Winfried

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Beitragvon uli.brueggemann » 10.11.2017, 14:53

Hornguru hat geschrieben:da bisher noch niemand die eigentliche Frage mal ganz theoretisch schwarz weiß beantwortet hat :mrgreen:

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Stimmt bei LS genau dann, wenn man die Membranposition betrachtet (also Batterie am Tieftöner). Das Chassis sollte dann vorne stehen bleiben (richtige Polarität vorausgesetzt).
Es bleibt aber kein konstanter Schalldruck im Raum stehen. Demzufolge hören wir schon aus diesem Grund nicht bis 0 Hz. Zwangsläufig ergibt sich damit ein Hochpassverhalten, welches wiederum von den LS-Eigenschaften beeinflußt wird.

Grüsse
Uli
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Beitragvon Jahresprogramm » 10.11.2017, 20:01

Hornguru hat geschrieben:da bisher noch niemand die eigentliche Frage mal ganz theoretisch schwarz weiß beantwortet hat :mrgreen:

Nun, mitten ins Schwarze :cheers: :mrgreen:

Gruß
Alex
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Beitragvon bugatti66 » 11.11.2017, 10:01

Jahresprogramm hat geschrieben:Hallo,
wie die allgemeine ideale Sprungantwort aussieht ist hoffentlich klar...

Hallo Alex,

das ist gar nicht klar, sonst hätte ich die Frage ja nicht gestellt.

An Alle:
Vielen Dank für die weitere Beteiligung mit Beiträgen. Diese Details möchte ich nochmal herausarbeiten.

Von Klaus:
- Nicht nur Grenzfrequenz und Flankensteilheit, sondern die Güte ist auch noch entscheidend.
Dieser Parameter ist in der Diskussion noch nicht aufgetaucht, sollte aber auch veränderlich sein?
- Es ist natürlich nicht nur ein einzelner Hochpass, sondern mehrere Hochpässe hintereinander.

Von Cay-Uwe:
- präzisiert, dass es natürlich nicht nur ein Hochpass, sondern genau genommen in Wirklichkeit ein Bandpass ist, was man besonders deutlich beim Tieftöner alleine sieht.
- außerdem wird ausgesagt, dass die anzunehmende wahrscheinliche Flankensteilheit 12dB/Oktave beträgt. Vielleicht ist es sogar so, dass 6dB/Oktave gar nicht vorkommen können. Dann hätte das 40Hz , 6dB/Oktave-Beispiel keinen Praxisbezug und man bräuchte zum Vergleich auch noch mal 40Hz, 12dB/Oktave und dann mit Q kleiner 1?

Meine Fragerei rührt auch daher, dass ich folgende Abhandlung nicht verstanden habe:

http://www.hs-augsburg.de/~clemen/lehre ... Modell.PDF
(da gibt es irgendwie keine Vierpole mit Eingang und Ausgang?)

Grüße Bugatti

P.S.
bei den Kurven der Tieftöner bei Linkwitz ist wohl nicht der Tiefpassteil des Tieftöners selber sichtbar, sondern die Wirkung des physikalischen passiven Tiefpasses der Frequenzweiche, die zur Messung wohl nicht ausgebaut wurde.
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Beitragvon cay-uwe » 11.11.2017, 11:15

bugatti66 hat geschrieben:Von Cay-Uwe:
- präzisiert, dass es natürlich nicht nur ein Hochpass, sondern genau genommen in Wirklichkeit ein Bandpass ist, was man besonders deutlich beim Tieftöner alleine sieht.
- außerdem wird ausgesagt, dass die anzunehmende wahrscheinliche Flankensteilheit 12dB/Oktave beträgt. Vielleicht ist es sogar so, dass 6dB/Oktave gar nicht vorkommen können. Dann hätte das 40Hz , 6dB/Oktave-Beispiel keinen Praxisbezug und man bräuchte zum Vergleich auch noch mal 40Hz, 12dB/Oktave und dann mit Q kleiner?

Ich hatte doch mein theoretisches Modell auf Grund der gemachten Messungen beschrieben. :wink:

Theoretisch betrachtet ist es ein Übertragungsystem mit einer unteren Grenzfrequenz von 35Hz und einer Güte von 0,5, während das Roll-Off eine Grenzfrequenz von ca. 9kHz besitzt mit einer Güte von ca. 2, was daran zu erkennen ist, dass der Pegel ab ca. 5 Khz ansteigt.
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Beitragvon SolidCore » 11.11.2017, 11:40

Hallo zusammen

Also ganz ehrlich, so genau verstehe ich immer noch nicht, was mir die Sprungantwort genau sagt.
Was kann ich damit über einen Lautsprecher genau aussagen? Kann mir das jemand grob für Laien erklären, das ich es verstehe? Die Ausführungen hier habe ich gelesen, fehlt mir jedoch der Bezugzur Praxis/zum Klang.

Cay-Uwe hat geschrieben:Dies ist ein Zwei-Wege Lautsprecher mit einer Trennfrequenz bei ca. 400Hz. Das analog "zeitrichtige" Verhalten erkennt man daran, dass die Phase im Übernahmebereich konstant bleibt.

Wird die Sprungantwort also mit einem Gleichspannungspeak an einer Mehrwegebox gemessen, und erfasst, wie alle Chassis darauf reagieren, im besten Fall also zeitgleich an- und abfallen? Und damit erkennbar, das die Box ausgewogen reagiert? Und dies noch nichts über deren Frequenzgang aussagt?

Also irgendwas will da bei mir nicht Klick machen, wenn ich versuche, die Theorien in die Praxis verständlich zu übertragen. Bei einem Boxenkauf versuche ich natürlich deren Klang zu beurteilen, wenn dies auf Messschrieben bereits erkennbar ist, wär ja nicht verkehrt. Fehlt dieser Bezug, frage ich mich natürlich infolge, was ich dann mit dem Messschrieb soll.

Vielleicht kann da jemand helfen.

Gruss
Stephan
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Beitragvon KSTR » 11.11.2017, 12:27

Das ist schwerlich in wenigen Worten zu formulieren.

Wichtig ist zunächst mal das Verständnis dass *alle* Darstellungsformen der sog. Übertragungsfunktion an sich diesselbe Information beinhalten, und eben vollständig und eindeutig. D.h. die Darstellungsform ein und derselben Übertragungsfunktion als
a) Komplexer Frequenzgang (Amplitude und Phase, oder auch Amplitude und Gruppenlaufzeit), oder als
b) Impulsantwort, oder als
c) Sprungantwort
sind vom Informationsgehalt alle identisch und gleichwertig und vollständig (und jede Form ist verlustfrei in jede andere überführbar, ausserdem gibt es noch weitere Formen, zB die komplexe Ortskurve mit Frequenz als Parameter, aka "Nyquist-Diagram")....

... aber, jetzt kommts, vom Auge sind sie sehr verschieden sinnvoll/genau interpretierbar. Bei b) und c) ist zB die Information für tiefe Frequenzen über einen sehr weiten Bereich der X-Achse verteilt, die selten ausreichend lange dargestellt wird. Und bei b) kommt noch erschwerend hinzu dass der "Bassgehalt" auch von der Höhe her (Y-Achse) extrem viel kleiner dargestellt wird als hohe Frequenzen, deswegen ist die Impulsantwort am schlechtesten lesbar, die Sprungantwort dagegen schon besser (vor allem wenn eine quasi-logarithmische X-Achse verwendet wird womit die Effekte sowohl hoher wie tiefer Freqenzen mit sinnvoller Auflösung auf das Blatt passen, was sich aber nicht durchgesetzt hat in der Lautsprechertechnik).

Am besten vom Menschen lesbar ist und bleibt der komplexe Frequenzgang (Amplitude und Phase), in der Technik auch benannt als "Bode-Plot" (nach seinem Erfinder), deswegen wird er auch am öftesten verwendet. Die Darstellung der Phase hat aber ihre Tücken wenn unerkannte, aber irrelevante Totzeiten der Messung mit im Spiel sind, das führt zu beliebig vielen optisch krass verschiedenen Phasengängen -- da ist die Darstellung als Gruppenlaufzeit -- Ableitung der Phase nach der Frequenz -- günstiger, weil da eine Totzeit einfach nur einen konstanten Offset der Y-Werte ergibt. Dann aber mit logarithmischer Y-Achse darstellen, was leider kaum jemand macht, sonst "verschwindet" die Information für die hohen Frequenzen (ähnliches optisches Problem wie für die Bässe in der Impulsantwort).

So, nun leider zeigt eine Darstellung (welche auch immer) der Summen-Übertragungsfunktion ohne weitere Infos keineswegs, wieviele Wege der LS hat und wie die Wege genau getrennt sind, dafür braucht es die Einzelübertragungsfunktionen. Ohne diese Kenntnis machen selbst gestandene Profis Fehlinterpretationen, so hat zB Anselm Goertz bei einem bestimmten 3-Wege-LS, anhand des gemessenen Summen-Phasengangs, eine Trennung 4.ter Ordnung sowohl für Bass/Mittelton wie für Mittelton/Hochton vermutet, obwohl es sich um Trennung 3.ter bzw 6.ter Ordnung handelte (die eben fast den gleichen Summen-Phasengang erzeugen).

Es gibt jedoch einige oft vorkommende, relativ einfache "Standard"-Fälle die gewissermaßen charakteristische Plots der Summenübertragungsfunktion (in ihren verschiedenen Darstellungsformen) erzeugen, und deshalb zuweilen korrekt auf die genauen Verhältnisse der einzelnen Chassis rückgeschlossen wird, per Mutmaßung. Es kann aber auch grandios in die Hose gehen, vor allem bei der Interpretation von Sprungantworten.
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Beitragvon SolidCore » 11.11.2017, 12:55

Hallo KSTR

Erstmal vielen Dank für den Versuch, es verständlich zu machen. Leider hat dies nicht im Ansatz gefruchtet.

Es klingt für mich ungefähr so:
Wenn Plot A über seine Komplexität gegenüber B nach Phasenverschiebungen den Messfehler beeinhaltet, kann man es falsch interpretieren. Ich will damit sagen: Fachkauderwelsch.

Kann man das möglicherweise auch im 5.Schuljahr-Niveau zusammenfassen?
Sowas wie: "In der Sprungantwort erkennt man eher Bassanteile, und wie genau er arbeitet" oder
"Frequenzgang und Phase sollten möglichst linear miteinander verlaufen, dann zeigt die Sprungantwort den fehlenden Punkt von ... (was auch immer)" oder irgendwas, was auch ein Busfahrer nachvollziehen könnte.

Vielen Dank im voraus.

Gruss
Stephan
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Beitragvon KSTR » 11.11.2017, 14:46

Ich glaube, beim Runterbrechen der halt doch komplexen Sachlage auf einfaches "Busfahrer-Niveau" würde ich mich schwertun, ich könnte erst so ab (Fach-)Abitur-Vorwissen (mit LK Mathe und Physik) sinnvoll einsteigen.

Es ist nämlich extrem schwierig die Information so extrem zu vereinfachen, durch Zurückgreifen auf andere Modelle bzw den Versuch der Benutzung von "jedermann verständlichen " Analogien usw, so dass trotzdem die ganz entscheidenden Kernaussaussagen immer noch stimmen bzw überhaupt verstanden werden, d.h. dass nicht das gefürchtete "solide Halbwissen" und keine Übergewichtung von Allgemeinplätzen entsteht.

Diese Form der massiven, aber richtigen Form der Vereinfachung beherrschen nur ganz wenige Fachpädagogen mit entspr. Ingenieurs-Background. Signal- und Systemtheorie sind schon für sich komplexe und umfangreiche Stoffgebiete in vielen Ingenieurs-Studiengängen, und die Anwendung in der Lautsprechertechnik und nicht zuletzt dort die Korrelation mit dem Gehörten (also die psychoakustischen Beziehungen) sind erst recht "höheres Spezialwissen", das sich halt nicht so einfach "eben mal schnell" vereinfacht vermitteln läßt.

Und äh, vor einem an sich sinnvollen Selbststudium, aber über dubiose Webseiten wie die in die Diskussion geratene "Myroklopädie", muss explizit gewarnt werden, weil dort wird genau dieses "solide Halbwissen" verbreitet, also es werden teilweise völlig falsche Zusammenhänge und Schlußfolgerungen vermittelt, ohne dass ein Laie die Fehlerhaftigkeit erkennen kann.

Wir könnten aber, wie schon geschehen, anhand von typischen Beispielen versuchen etwas mehr Verständnis der Zusammenhänge zu vermitteln, das kostet aber auch viel Extra-Arbeit wenn das Ganze ohne Fachtermini usw auskommen soll ...
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Beitragvon Hans-Martin » 15.11.2017, 23:16

Stephan,

da wir hier keine Fünftklässler im Forum haben, zumindest hat sich keiner als solcher vorgestellt (hallo Busfahrer- verantwortungsvolle, unterbezahlte Versklavte?), darf man davon ausgehen, dass technische Sachverhalte mühsam und zeitaufwändig erschlossen wurden. Wenn Klaus (KSTR) für seine differenzierte Betrachtung die gängigen und unmissverständlichen Fachausdrücke benutzt, kann er damit Verwechselung und Missverständnissen vorbeugen, aber nicht ausschließen. Seine Kernaussage ist doch: Alle 3 Betrachtungen lassen sich mathematisch ineinander überführen und enden in Grafiken, die nach Frequenz, Phase, Zeit dargestellt werden.

Wenn das Verständnis dafür allen in die Tasche fiele, hätten wir schon in den 1950er Jahren perfekte Mehrwegelautsprecher gehabt. Aber eine einzelne Grafik sagt nicht alles, lässt Fehlinterpretationen zu, wenn man die anderen nicht auch versteht.

Mir fällt dazu das Kriterium Kanal-Übersprechen im Tonabnehmer bei Vinyl ein, die Messchriebe vermitteln ein Bild von minimalem Übersprechen im Bereich der Mitten, zu Bass und Höhen nimmt es zu. Das suggeriert, die Stereobreite würde dadurch eingeschränkt. Bezieht man jedoch (per WAV-Editor) die Phasenbezüge der Signale mit ein, wird auf einmal das Gegenteil offenbart, die Gegenphasigkeit des übergesprochenen Signals führt zur Ortung außerhalb des Stereodreiecks und macht bei mehr Übersprechen (paradoxerweise) viel "Räumlichkeit".

Der Verzicht auf eine erweiterte Betrachtung, also eine Minimierung der Darstellung = Vereinfachung, führt vielleicht zu maximaler Missverständlichkeit. :cry:

Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Diskus_GL » 16.11.2017, 13:47

Hallo,

nicht jeder ist mit den mathematischen Zusammenhängen und der Umrechnung per FFT etc. so vertraut - geschweige denn was Signaltheorie und Übertragungsfunktionen anbelangt. Insofern kann ich SolidCores Anliegen durchaus verstehen.
Da aber bei so gut wie allen diesen Darstellungsformen der direkte Bezug zu den meisten Klangeigenschaften schwierig ist - vor Allem bei den Klangeigenschaften und der Qualität, die hier im Allgemeinen diskutiert und differenziert wird - muss man das auch nicht als allzuwichtig nehmen.

Weder eine "ideale" Sprungantwort noch ein "gerader" (oder linearer) Frequenz- und Phasengang sind eine Garantie für die gute Wahrnehmung/Erkennung z. B. bez. Bühnendarstellung, Lokaisationschärfe, Detailerkennung, Klangnuancen, Dynamik etc... ganz zu schweigen von einer verlässlichen Korrelation zwischen bestimmten Darstellungen zur Qualität einzelner Klangeigenschaften. Also z. B. "perfekte" Sprungantwort = maximale Lokalisationsschärfe oder "gerader Freqeunzgang innerhalb 0,1db = 90% Erkennung aller Klangnuancen eines Instrumentes (bei mehreren gleichzeitig wahrgenommenen Schallquellen) etc..

Grobe Unterschiede bei diesen Klangeigenschaften lassen sich zwar recht gut an solchen Darstellungen ausmachen... aber sooo schlechte Anlagen hat wohl kaum jemand hier...

Grüße Joachim
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Beitragvon uli.brueggemann » 16.11.2017, 14:07

Diskus_GL hat geschrieben:Weder eine "ideale" Sprungantwort noch ein "gerader" (oder linearer) Frequenz- und Phasengang sind eine Garantie für die gute Wahrnehmung/Erkennung ...

Geschwafel² + Geschwurbel³

Eine perfekte 1:1 Wiedergabe bedeutet mathematisch gesehen eine ideale Sprungantwort und einen geraden oder linearen Frequenz- und Phasengang. Das steht in einem sauberen mathematischen Zusammenhang.
Abweichungen davon reduzieren die Perfektheit. Bei welcher Abweichung vom Perfekten man dann noch über eine gute oder auch optimale Wiedergabe (oder auch über das krasse Gegenteil) sprechen mag ist ein anderes Thema, dann spielt auch die eigene Wahrnehmung/Erkennung mit rein.

Also: das objektive Ziel ist bekannt, die Sterne hängen hoch. Sehr hoch. Höher als mit einer idealen Sprungantwort geht es nicht, DAS ist garantiert.

Wahrnehmung/Erkennung sind im übrigen subjektiv und haben nichts mit Mathematik zu tun. Damit kann für ein Subjekt jeglicher Schrott (aus Sicht eines anderen Subjekts) zum Hochgenuß stilisiert werden.

Grüsse
Uli
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Beitragvon Diskus_GL » 16.11.2017, 16:43

Hallo Uli,

ich bezog mich auf SolidCores Anliegen:
SolidCore hat geschrieben:Also ganz ehrlich, so genau verstehe ich immer noch nicht, was mir die Sprungantwort genau sagt.
Was kann ich damit über einen Lautsprecher genau aussagen? Kann mir das jemand grob für Laien erklären, das ich es verstehe? Die Ausführungen hier habe ich gelesen, fehlt mir jedoch der Bezugzur Praxis/zum Klang.


..also den Bezug der Sprungantwort zur Praxis/zum Klang.

Du magst meine Anmerkungen als " Geschwafel² + Geschwurbel³ " bezeichnen, nur leider zeigen auch Deine Ausführungen einen möglichen (praxisgerechten) Bezug nicht auf...

Das von Dir suggerierte Postulat, daß eine "perfekte 1:1 Wiedergabe" auch eine Perfektion bei allen Klangeindrücken ergibt, halte ich - auch aus eigener Erfahrung und den bisherigen Erkenntnissen/Theorien über die Wahrnehmung von Klang bzw. der menschlichen Hörwahrnehmung - für nicht zutreffend.
Die Praxis zeigt das ja sehr oft (viele Anlagen, die rel. weit weg sind vom "technischen Ideal mancher Parameter" - gerade in Bezug auf Sprungantworten - ermöglichen deutlich bessere Klangeindrücke als Anlagen, die diesen "technischen Idealen mancher Parameter" deutlich näher kommen).

Grüße Joachim

PS.: Das man eine Sprungantwort oder Frequenz- und Phasengang für die Entwcklung von Boxen, Anlage oder zur Analyse von Raumakustik sinnvoll nutzen kann und diese "Messwerte" zur Verifizierung bestimmter Entwicklungsziele durchaus braucht, weiss ich auch - darum ging es aber bei SolidCores Frage nicht...
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Beitragvon Hornguru » 16.11.2017, 17:36

Hallo Joachim

Ich muss mich da Uli anschließen. Die Sprungantwort zeigt einfach alles.
Frequenzgang, Phase, Gruppenlaufzeit, Raumreflektionen, Abklingen, Nachhall, Wasserfall, es ist eigentlich alles drin und ein geübtes Auge erkennt sogar all diese Dinge tendenziell. Sogar Verzerrungen (vor dem Ausfenstern). Man sieht vielleicht nicht direkt ah bei 1khz fehlen 2.5dB auf -10°... aber Anomalien zeichnen sich dort schön ersichtlich ab. Für genaue Ziffern gibts ja die anderen Diagramme.

Was du meinst sind subjektive Vorlieben. Sounding. Sehr geliebt in Audiophilen kreisen in denen Realität keine Referenz ist. Man will garnicht dass es wie live klingt.
Wer bevorzugt Live hört, viel raus geht, oder gar selbst Musik macht, wird aber bei solchen Soundern wenig Spaß haben.

Es ist ein wenig wie mit den Hochglanz Magazinen. Wer zu lang nur Photoshop statt echte Menschen sieht, wird die Realität mit Zellulitis kaum noch mögen...
Das Ideal ist auch nicht Geschmackssache oder Relativ. Ein Ideal ist immer absolut.
Manche mögen es halt nicht ideal. Das ist was anderes.

Man lächelt gerne über den Lebenspartner oder Bekannte die “den Unterschied nicht hören “..
Aber wir selbst tun es oft auch nicht. Wir sind vielleicht sensibilisiert. Aber nicht kalibriert.
Da hilft nur öfter den Hintern in die Philharmonie bewegen...
Jede Woche. Für ein Jahr. Und solange kein Hifi. Und dann noch mal den “Sounder” einschalten. Glaube dann werden die meisten weniger amüsiert sein.

Gruß
Josh
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